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Erster China-Report vom 25.10.2009

 

Wir melden uns direkt aus dem spätsommerlichen Peking. Es hat sich ja bei vielen schon herum gesprochen, dass Lucy nach ihrem 2-jährigen Traineeprogramm hier eine Stelle bekommen hat. Und da ich grad nichts Besseres zu tun hatte, bin ich dann mal mitgekommen.

Die letzten Wochen waren schon so stressig und abwechslungsreich, dass ich ein ganzes Buch mit den Erlebnissen füllen könnte. Da war zunächst die komplette Wohnungsauflösung in Wiesbaden, mit Verkauf, Verleih, Verschrottung, Umzug (15 Kartons!) und Einlagerung unseres gesamten Hab und Gutes. Immerhin haben wir jetzt unseren deutschen Geschirrspüler, 10 Packungen Knäckebrot (WICHTIG!) und noch einmal etwa 50 Rollen Küchenpapier - um nur die wichtigsten Dinge zu erwähnen, die es in China so nicht gibt.

Die Wohnung hier ist superschön: Es gibt sogar ein Freizeit-Center mit Park und Schwimmbad. Sie liegt vom Licht durchflutet im 18 Stock. Na ja, eigentlich ist es der 15. Stock - denn die Etagen 4, 13 und 14 gibt es nicht, wegen dem negativen Karma oder so ähnlich. Übrigens: In China gelten solche Hochhaus-Siedlungen als fortschrittlich und modern - etwas Anderes bleibt einem auch kaum übrig bei 17 Millionen Menschen in einer Stadt.

 

 

 



Was einem hier als Erstes auffällt ist die allgegenwärtige Unruhe. Das merkt man vor allem im Straßenverkehr - der aber in den letzten Jahren zumindest in Peking und Shanghai deutlich ordentlicher geworden ist (noch chaotischer ging auch nicht mehr...). Trotzdem bleibt die Hupe immer noch das wichtigste Teil, und es scheut sich auch niemand, sie noch abends um 23:00 Uhr oder morgens um 6:00 Uhr zu benutzen. Nach einiger Zeit beobachtet man hier übrigens verschiedene Hupzeichen: Einmal kurz hupen mit einem verrosteten Dreirad heißt: „Hallo, ich will jetzt durch.“ Einmal hupen mit dem randvoll beladenen Kleinlaster: „Weg da, ich will jetzt durch.“ Und Dauerhupen mit der dunklen Limousine oder dem Taxi: „Weg da, ich KOMME jetzt durch!“. Das in Deutschland durchaus verbreitete: „Du Vollidiot, mach mal deinen Führerschein!“-Hupen konnte ich hier nicht beobachten. Aber dann müsste man die Hupe wohl auch prophylaktisch mit Klebeband in den Dauerbetrieb setzen.

Überhaupt sind die Chinesen im Allgemeinen unheimlich duldsam, wovon manche von uns Deutschen sicherlich noch einiges lernen können. Die Angehupten selbst zeigen nämlich keine Anzeichen von Hektik. Sie drehen sich nicht um und beeilen sich auch nicht, die Straße schneller zu räumen. Manchmal bin ich aber auch nicht sicher, ob nicht lediglich eine unterschiedliche Bewertung dessen vorliegt, was wichtig und unwichtig ist. Wichtig ist z.B., dass man keine kalten Füße bekommt. Oder das man mit guten Freunden vor (!) dem Essen eine Flasche Schnaps (Schnaps=wertvoll) leert, der so scharf schmeckt, dass es mir selbst bei vollem Magen selbigen noch umdreht, bevor der Alkohol in meinem Gehirn überhaupt ankommt. Reis wird in China entgegen der verbreiteten Meinung übrigens nicht zum Essen serviert (Reis= nicht wertvoll). Eventuell, wenn man drei Mal darum bittet, gibt es ihn noch zum Nachtisch. Wichtig in China ist auch, dass das Essen gut schmeckt. Für den chinesischen Geschmack, versteht sich.

 

Das ist überhaupt das Wichtigste. Unwichtig ist dagegen, ob man sich vielleicht wegen eines offenen Fensters in der Bahn oder im Taxi einen steifen Hals holt. Oder wie der Tisch oder die Küche nach dem Anrichten und dem Verzehr des Essens aussehen. Oder dass sich noch kleine Überraschungen im Essen befinden, wie z.B. Pfefferkörner, Knochensplitter, holzige Gemüse-Reste oder sogar ganze Anis-Sterne (man kann sich gut daran verletzen - vielleicht wurden so ja die Wurfsterne von den Ninja-Kämpfern erfunden… aber nein, das war ja in Japan). Die Krabben, die übrigens sehr lecker schmecken, werden hier stets am Tisch gepult, nachdem sie schon gekocht und in klebriger Gewürzsoße angerichtet sind. Es stört niemanden, wenn dabei mal etwas Soße durch die Gegend spritzt. Deswegen waschen sich die Chinesen übrigens immer vor dem Essen die Hände. Und deswegen wasche ich mir übrigens immer NACH dem Essen die Hände.

 



Heute war ich zum ersten Mal allein auf einem chinesischen Gemüsemarkt Essen kaufen. Was als erstes auffällt, ist der viele Müll, der hier neben den Ständen herumliegt. Und dass alle Stände am Boden ausgebreitet werden – Holztische und Sonnendächer gibt es hier kaum. Ich sehe einen Mann, der ein paar Fleischstücke auf einem Brett ausgelegt hat. Die Sonne scheint drauf, das wohl schon seit Stunden, und er muss ab und zu die Fliegen verscheuchen – na ja, vielleicht esse ich heute mal vegetarisch… Eigentlich brauche ich noch Eier. Am Eierstand fällt mein Blick dann auf die armen Enten und Hühner, die mit vom Stress zerflettertem Gefieder in engen Käfigen hocken und auf ihr Schicksal warten…nee, bei euch kaufe ich keine Eier. Jawohl. Ich bin Deutscher und da möchte ich gefälligst nicht zusehen, wenn ihr eure Tiere quält und abmurkst. Macht es doch einfach hinter den Kulissen!

Am Gemüsestand kaufe ich dies und das. Die anderen Marktbesucher erkennen natürlich sofort, dass mein Chinesisch noch nicht so flüssig ist, und drängeln sich immer wieder vor, indem sie ihr Gemüse der Verkäuferin zeigen und mit markigen Worten das Geld hinhalten. Sie macht bereitwillig mit, wiegt, zählt Geld, tütet ein, ohne auch nur irgendwie verlegen zu wirken, wobei sie zwischendurch im Kopf auch meine einzelnen Positionen noch behalten muss. 10 Schoten Chilli, eine Karotte, eine große Zucchini, etwas Pilze, eine Tomate, zwei Paprika – kann sie bei dem Trubel wirklich richtig mitrechnen? Am Ende kostet mein Einkauf umgerechnet 65 Eurocent. Ich denke, das war angemessen :-) … Leider ist längst nicht mehr alles so billig in China.

Es soll jetzt aber nicht so wirken, dass hier alles ganz schlecht ist. Das Essen schmeckt mir hier sehr gut (zumindest, wenn ich mir selbst vom Gedeck aussuchen darf. In China legt der Gastgeber nämlich dem Gast auf, und es hat mich viel Überzeugungsarbeit gekostet, bis auch Lucys Eltern ihre chinesische Höflichkeit diesbezüglich bremsen konnten.) Und die Chinesen sind stets hilfsbereit, was aber nicht unbedingt heißt, dass sie dabei immer systematisch oder planvoll vorgehen. Das Wetter in Peking empfängt uns seit 3 Wochen angenehm spätsommerlich. Und das chinesische Bier, wirklich passabel im Geschmack, kostet im Supermarkt 25 Cent pro 600 ml-Flasche – muss ich das noch kommentieren?

Übrigens: Die chinesische Zensur hat Seiten wie Youtube oder die zum Download verfügbaren RTL-Sendungen „Wer wird Millionär“ leider einfach mal pauschal gesperrt. Wenn man lange genug sucht, findet man aber doch noch Sendungen aus Deutschland. Selbst einen Bericht, bei dem ein Komiker als Reporter die Chinesen auf der Frankfurter Buchmesse auf das Übelste verarscht hat. In China gibt es halt viele Grautöne zwischen verboten und erlaubt (und nicht erwischt!). Und wer von China nur die Horror-Meldungen und Menschenrechts-Verletzungen aus der deutsche Presse kennt, dem möchte ich sagen: ich habe schon den Eindruck, dass hier viele Politiker mit Augenmaß und Verantwortungsbewusstsein handeln – das merkt man zumindest deutlich in der Stadtplanung und im Verkehr. Ich habe Zweifel, dass die Bändigung dieser Menschen- und Verkehrsmassen mit der deutschen Diskussionskultur und Randgruppenberücksichtigung genauso effektiv verlaufen würde. Und ich habe den Eindruck, dass die Chinesen insgesamt glücklicher und mental positiver eingestellt als die Deutschen sind. Wer weiß, vielleicht will ich hier in ein paar Jahren ja gar nicht mehr weg…
 

 

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