Was einem hier als Erstes auffällt ist die allgegenwärtige Unruhe. Das
merkt man vor allem im Straßenverkehr - der aber in den letzten Jahren
zumindest in Peking und Shanghai deutlich ordentlicher geworden ist (noch
chaotischer ging auch nicht mehr...). Trotzdem bleibt die Hupe immer noch
das wichtigste Teil, und es scheut sich auch niemand, sie noch abends um
23:00 Uhr oder morgens um 6:00 Uhr zu benutzen. Nach einiger Zeit
beobachtet man hier übrigens verschiedene Hupzeichen: Einmal kurz hupen
mit einem verrosteten Dreirad heißt: „Hallo, ich will jetzt durch.“ Einmal
hupen mit dem randvoll beladenen Kleinlaster: „Weg da, ich will jetzt
durch.“ Und Dauerhupen mit der dunklen Limousine oder dem Taxi: „Weg da,
ich KOMME jetzt durch!“. Das in Deutschland durchaus verbreitete: „Du
Vollidiot, mach mal deinen Führerschein!“-Hupen konnte ich hier nicht
beobachten. Aber dann müsste man die Hupe wohl auch prophylaktisch mit
Klebeband in den Dauerbetrieb setzen.
Überhaupt sind die Chinesen im Allgemeinen unheimlich duldsam, wovon
manche von uns Deutschen sicherlich noch einiges lernen können. Die
Angehupten selbst zeigen nämlich keine Anzeichen von Hektik. Sie drehen
sich nicht um und beeilen sich auch nicht, die Straße schneller zu räumen.
Manchmal bin ich aber auch nicht sicher, ob nicht lediglich eine
unterschiedliche Bewertung dessen vorliegt, was wichtig und unwichtig ist.
Wichtig ist z.B., dass man keine kalten Füße bekommt. Oder das man mit
guten Freunden vor (!) dem Essen eine Flasche Schnaps (Schnaps=wertvoll)
leert, der so scharf schmeckt, dass es mir selbst bei vollem Magen
selbigen noch umdreht, bevor der Alkohol in meinem Gehirn überhaupt
ankommt. Reis wird in China entgegen der verbreiteten Meinung übrigens
nicht zum Essen serviert (Reis= nicht wertvoll). Eventuell, wenn man drei
Mal darum bittet, gibt es ihn noch zum Nachtisch. Wichtig in China ist
auch, dass das Essen gut schmeckt. Für den chinesischen Geschmack,
versteht sich.
Das ist überhaupt das Wichtigste. Unwichtig ist dagegen, ob
man sich vielleicht wegen eines offenen Fensters in der Bahn oder im Taxi
einen steifen Hals holt. Oder wie der Tisch oder die Küche nach dem
Anrichten und dem Verzehr des Essens aussehen. Oder dass sich noch kleine
Überraschungen im Essen befinden, wie z.B. Pfefferkörner, Knochensplitter,
holzige Gemüse-Reste oder sogar ganze Anis-Sterne (man kann sich gut daran
verletzen - vielleicht wurden so ja die Wurfsterne von den Ninja-Kämpfern
erfunden… aber nein, das war ja in Japan). Die Krabben, die übrigens sehr
lecker schmecken, werden hier stets am Tisch gepult, nachdem sie schon
gekocht und in klebriger Gewürzsoße angerichtet sind. Es stört niemanden,
wenn dabei mal etwas Soße durch die Gegend spritzt. Deswegen waschen sich
die Chinesen übrigens immer vor dem Essen die Hände. Und deswegen wasche
ich mir übrigens immer NACH dem Essen die Hände.

Heute war ich zum ersten Mal allein auf einem chinesischen Gemüsemarkt
Essen kaufen. Was als erstes auffällt, ist der viele Müll, der hier neben
den Ständen herumliegt. Und dass alle Stände am Boden ausgebreitet werden
– Holztische und Sonnendächer gibt es hier kaum. Ich sehe einen Mann, der
ein paar Fleischstücke auf einem Brett ausgelegt hat. Die Sonne scheint
drauf, das wohl schon seit Stunden, und er muss ab und zu die Fliegen
verscheuchen – na ja, vielleicht esse ich heute mal vegetarisch…
Eigentlich brauche ich noch Eier. Am Eierstand fällt mein Blick dann auf
die armen Enten und Hühner, die mit vom Stress zerflettertem Gefieder in
engen Käfigen hocken und auf ihr Schicksal warten…nee, bei euch kaufe ich
keine Eier. Jawohl. Ich bin Deutscher und da möchte ich gefälligst nicht
zusehen, wenn ihr eure Tiere quält und abmurkst. Macht es doch einfach
hinter den Kulissen!
Am Gemüsestand kaufe ich dies und das. Die anderen Marktbesucher erkennen
natürlich sofort, dass mein Chinesisch noch nicht so flüssig ist, und
drängeln sich immer wieder vor, indem sie ihr Gemüse der Verkäuferin
zeigen und mit markigen Worten das Geld hinhalten. Sie macht bereitwillig
mit, wiegt, zählt Geld, tütet ein, ohne auch nur irgendwie verlegen zu
wirken, wobei sie zwischendurch im Kopf auch meine einzelnen Positionen
noch behalten muss. 10 Schoten Chilli, eine Karotte, eine große Zucchini,
etwas Pilze, eine Tomate, zwei Paprika – kann sie bei dem Trubel wirklich
richtig mitrechnen? Am Ende kostet mein Einkauf umgerechnet 65 Eurocent.
Ich denke, das war angemessen :-) … Leider ist längst nicht mehr alles so
billig in China.
Es soll jetzt aber nicht so wirken, dass hier alles ganz schlecht ist. Das
Essen schmeckt mir hier sehr gut (zumindest, wenn ich mir selbst vom
Gedeck aussuchen darf. In China legt der Gastgeber nämlich dem Gast auf,
und es hat mich viel Überzeugungsarbeit gekostet, bis auch Lucys Eltern ihre
chinesische Höflichkeit diesbezüglich bremsen konnten.) Und die Chinesen
sind stets hilfsbereit, was aber nicht unbedingt heißt, dass sie dabei
immer systematisch oder planvoll vorgehen. Das Wetter in Peking empfängt
uns seit 3 Wochen angenehm spätsommerlich. Und das chinesische Bier,
wirklich passabel im Geschmack, kostet im Supermarkt 25 Cent pro 600
ml-Flasche – muss ich das noch kommentieren?
Übrigens: Die chinesische Zensur hat Seiten wie Youtube oder die zum
Download verfügbaren RTL-Sendungen „Wer wird Millionär“ leider einfach mal
pauschal gesperrt. Wenn man lange genug sucht, findet man aber doch noch
Sendungen aus Deutschland. Selbst einen Bericht, bei dem ein Komiker als
Reporter die Chinesen auf der Frankfurter Buchmesse auf das Übelste
verarscht hat. In China gibt es halt viele Grautöne zwischen verboten und
erlaubt (und nicht erwischt!). Und wer von China nur die Horror-Meldungen
und Menschenrechts-Verletzungen aus der deutsche Presse kennt, dem möchte
ich sagen: ich habe schon den Eindruck, dass hier viele Politiker mit
Augenmaß und Verantwortungsbewusstsein handeln – das merkt man zumindest
deutlich in der Stadtplanung und im Verkehr. Ich habe Zweifel, dass die
Bändigung dieser Menschen- und Verkehrsmassen mit der deutschen
Diskussionskultur und Randgruppenberücksichtigung genauso effektiv
verlaufen würde. Und ich habe den Eindruck, dass die Chinesen insgesamt
glücklicher und mental positiver eingestellt als die Deutschen sind. Wer
weiß, vielleicht will ich hier in ein paar Jahren ja gar nicht mehr weg…