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Zweiter China-Report vom 27.11.2009 - "Yes we can" auf Chinesisch

 

Heute habe ich in meinem Sprachkurs das chinesische Wort für „Können“ gelernt. Wie in den meisten Sprachen gibt es hierfür eine Vielzahl von Ausdrücken. Diese verwirrende Vielfalt ist bei uns Deutschen übrigens auch nicht viel besser als in anderen Sprachen. Wenn man zu einem kleinen Kind sagt: „Du kannst nicht ohne Schuhe raus gehen“, dann bedeutet es so viel wie „dürfen“. Wenn ich dem Kind sage: „Du kannst jetzt nicht mit Oma telefonieren“, weil Oma gerade zum Friedhof umgezogen ist, dann bedeutet es so viel wie „die Möglichkeit haben, etwas zu tun.“ Und wenn ich sage: „Du kannst noch nicht lesen“, dann bedeutet es so viel wie eine „erlernte Fähigkeit“.


Und genau dieses „Können“ ist im Chinesischen sehr bemerkenswert. In der offiziellen Pinyin-Umschrift schreibt man dafür „hui“, und man spricht es tatsächlich auch ziemlich genau so, etwa wie im Deutschen „Außen hui, innen pfui.“ „Hui“ steht laut Wörterbuch für die „erlernte Fähigkeit“. Dazu gehört z.B. Schwimmen, Rad fahren, eine Sprache sprechen und – man höre und staune – das Rauchen (?). Tatsächlich, in China müssen die Menschen das Rauchen erst erlernen. Ich wende bei der Lehrerin ein, dass doch eigentlich jeder Dödel weiß, wie man sich eine Zigarette unfallfrei anzündet und daran zieht. Sie meint aber, dass man vielleicht erst mit der Zeit verstehen kann, wie man es so macht, dass man es richtig genießt. Auf meine spontane Nachfrage, ob man dann auch das „Küssen“ und „Liebe machen“ erlernen müsse, kichert sie nur verlegen und bleibt die Antwort schuldig. Solche Fragen stellt man Chinesen nicht!


Dann erfahre ich noch etwas sehr Bizarres. Beim Wort „hui“ gibt es keine graduellen Unterschiede zwischen Können und Nicht-Können. Wenn jemand z.B. so schwimmen kann, dass er gerade einmal eine Minute lang über dem Wasser bleibt, kann er bereits das Wort „hui“ für sich beanspruchen und sagen: „Ich ‚kann‘ schwimmen.“


Das hat natürlich fatale Folgen. Wenn z.B. mein Auto kaputt ist und ich fahre zur Werkstatt und frage: „Kannst du Autos reparieren?“, dann wird ein Chinese wohl antworten „Ja, ich kann“ (hui). Er hat also eine Ausbildung genossen, eine „erlernte Fähigkeit“. Möglicherweise heißt das aber, dass seine erlernte Fähigkeit lediglich darin besteht, einen Schraubendreher richtig herum zu halten. Ich sollte also besser fragen: „Kannst du dieses Auto reparieren, mit diesen Schäden, mit den und den Werkzeugen und Ersatzteilen, und das ganze bis Ende der Woche?“ Das sind ja gleich drei Wünsche auf einmal, denkt sich der Chinese nun vielleicht. Hierfür benutzt man übrigens dann das chinesische Wort „neng“, was ebenfalls „können“ bedeutet, manchmal aber auch „dürfen“ heißt. Wer die chinesische Sprache kann, der hat die chinesische Kultur also noch lange nicht verstanden.


Chinesen selbst stellen solche Fragen eher selten, sie kennen die Antwort meistens schon („YES we can!“). Chinesen erkundigen sich vorher im Bekanntenkreis. Dabei fragen Sie immer: „Welches ist der oder die beste?“. Und sie wollen dann wirklich nur einen Namen hören. Ich hatte am Anfang große Missverständnisse mit unseren chinesischen Gästen, weil sie mit uns in Deutschland in „das beste Restaurant“ gehen wollten. Meine Antwort war typisch deutsch: „Nun, da gibt es eine ganze Reihe guter Restaurants. Der eine hat eine ganz tolle Pizza direkt aus dem Steinofen. Der andere ist Italiener mit einem super-schicken Ambiente, aber nicht billig. Der dritte hat guten Wein und eine schöne ruhige Terrasse zu sehr annehmbaren Preisen…“ – „Und welches ist das beste?“, kommt prompt die Nachfrage. Chinesen erwarten vom höflichen Gastgeber, dass er solche Entscheidungen selbst trifft. Zum richtigen Verhalten eines Gastgebers könnte ich jetzt noch sehr viel mehr schreiben, aber vielleicht ein anderes Mal.


Chinesen vertrauen immer nur der „besten Marke“. Und das wiederum versteht man als Deutscher erst so richtig, wenn man einmal erkannt hat, wie viel Murks hier zum Verkauf angeboten wird. Das nervt inzwischen sogar die Chinesen, die sich Besseres leisten können. Die unterschiedlichen Auffassungen in beiden Kulturen, welche Produkte sich durch Qualität auszeichnen, sind ja schon legendär und haben nicht wenige deutsche Manager in China schon an den Rand des Wahnsinns getrieben. Auch wenn es jedes Jahr besser wird: Hier wird immer noch sehr viel Schrott verkauft, der in Deutschland wahrscheinlich schon weit vor der Endkontrolle in einer Fabrik aussortiert worden wäre. Und darum wollen zumindest die Chinesen, die Geld haben, gar nicht 20 verschiedene Geschäfte durchtesten, sondern immer gleich in „das beste“ gehen.


Manchmal erlebt man dabei aber auch positive Überraschungen. Neulich habe ich mir hier neue Brillengläser machen lassen. Und die Qualität war wirklich super. Nach einer Stunde umfangreicher Sehtests und einem langen Beratungsgespräch haben wir die Gläser für umgerechnet 100 Euro bestellt, etwa die Hälfte vom deutschen Preis bei diesem Kunststoff und dieser Bearbeitung, und konnten sie am nächsten Tag (!) abholen. Ich habe jetzt „mein bestes“ Geschäft in China gefunden :-)

 

 

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