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Dritter China-Report vom 15.1.2010 – Fahrradreparatur für 3 Euro

Wir schreiben den 15. Januar 2010. Es ist wieder etwas
wärmer in Peking geworden. Nur noch minus 5 Grad. Und auch der scharfe
Eiswind hat nachgelassen. Heute möchte ich unseren Elektroroller
reparieren lassen. Ja, richtig gehört. Wir haben es gewagt, uns zu
Weihnachten einen chinesischen Elektroroller zu kaufen, denn ich bin zu der
Überzeugung gekommen, dass ich den chinesischen Verkehr jetzt lange genug
beobachtet habe, um zu erkennen, wie man dort lebend hindurch kommt.
Der Elektroroller kostete umgerechnet 170 Euro, so viel,
wie die Erneuerung meiner Fahrrad-Gangschaltung in Deutschland kosten
sollte, die ich letztes Jahr dankend ablehnte. Ob man für den Preis etwas
Vernünftiges bekommen würde, fragten wir uns. Und kamen zu der Erkenntnis,
dass man das nur mit einem Feldversuch testen könnte. 3 Jahre
Gewährleistung auf das Gerät, wie auch immer diese im Einzelnen wohl
aussähe, und ein Jahr auf die Batterie stimmten uns zuversichtlich.
In Peking sind die Elektroroller schon seit drei Jahren über das Stadium
der Marktreife hinaus. Das mag daran liegen, dass Chinesen eine andere
Auffassung von Qualität und „Marktreife“ haben. Die Dinger fahren aber
tatsächlich, man trifft sie hier überall und in allen Variationen, während
sich Deutsche Gesetzgeber und Ingenieure noch Gedanken über Wirkungsgrad,
Nachhaltigkeit der elektromobilen Stromerzeugung und die Entsorgungsfrage
von Altbatterien machen. Als Kleinmofa ca. 25 km/h schnell, als größerer
auch schon mal bis 50 km/h, als Fahrrad mit Zusatz-Elektromotor und nicht
zu vergessen die vielen Dreiräder, die es hier allerorten gibt. Ich glaube
nicht, dass sich irgendein Wissenschaftler schon einmal mit dem
chinesischen Wirtschaftsfaktor Dreirad befasst hat. Man sollte es aber
tun.
Millionen von namenslosen fleißigen Helden des Alltags
fahren jeden Tag und bei jedem Wetter mit ihren bizarren Gefährten durch
China und bilden unauffällig das Rückgrat des Wirtschaftswachstums. Man
trifft hier so ziemlich alles auf drei Rädern. Manche Dreiräder werden
noch vom Fahrer vorwärts getrieben, die rostige Kette hängt dabei bis zum
Boden, eine Gangschaltung gibt es nicht. Andere Gefährte sind motorisiert
und bisweilen mit einer Kabine gegen Regen geschützt. Vorne Fahrrad,
hinten Gemüsetransporter. Vorne Mofa, hinten Möbeltransport. Vorne Mofa,
hinten Kofferraum-Kiste (z.B. der KFC-bring-Service). Vorne Mofa, hinten
Mais-Ofen. Oder vorne Mofa, hinten Rollstuhl. Oder vorne Kleinwagen,
hinten Pick-Up….und und und. Noch abwechslungsreicher ist das, was dort
transportiert wird. Gemüse für den Markt, servierfertige Ofenkartoffeln
oder Mais inkl. Ofen, Menschen, Tiere (z.B. lebende Fische), Möbel, Pappe,
Plastikmüll, 8 m lange Stahlträger …
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Alles, was Räder hat, ist in China voll bepackt.
Transportiert wird z.B. die Frau, der Mann und/oder der Müll.
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Die Nutzung unseres Rollers war denkbar unkompliziert.
Auswählen, bezahlen, drauf setzen und nach Hause fahren – inklusive dem
Weg durchs Einkaufszentrum zwischen den Leuten hindurch – Mann, war das
klasse! In der Schule früher konnte ich immer nur heimlich durch die
Gebäude fahren… Kein Helm, kein Führerschein, keine Anmeldung… Obwohl: Die
Anmeldung sollte man machen, wurde uns auf Nachfrage gesagt. Wir haben das
dann auch eine Woche später nachgeholt. Den Weg zur Anmeldestelle haben
wir selbstverständlich schon mit dem Roller zurück gelegt – wie sollten
wir denn sonst dahin kommen? Und jetzt fahren wir hier (so ziemlich als
die einzigen, wie es scheint) mit einem Nummernschild herum. Wenn unser
Mofa gestohlen werden sollte, dann werde ich der Polizei sagen: Halten Sie
Ausschau nach einem Mofa mit Nummerschild.
Und die Qualität? Na ja. Er fährt schon toll, wenn er denn fährt. Nach
einer sehr ruckeligen Fahrt über eine feste Schneepiste, die von tausenden
Füßen und Reifen geformt wurde, ging die Batterie nicht mehr. Ein
Wackelkontakt, wie sich beim Händler herausstellte. Gelötet,
zusammengeschraubt, und fertig. Gestern dann ein Plattfuß. Der Händler ist
relativ weit weg, darum bin ich heute alleine zum Open-Air Reparaturladen
gegangen, der gleich neben unserer Wohnung liegt. Ein altes Dreirad mit
Werkzeug und Ersatzteillager, der Fahrer und seine Frau reparieren gleich
vor Ort. Solche „Open-Air“ Geschäfte sieht man immer noch viele hier,
früher gab es angeblich sogar Zahnärzte, deren Dreirad sozusagen die
mobile Praxis war. Sie lassen sich auch von Temperaturen weit unter Null
Grad nicht abschrecken.
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Open Air Schneider und Open-Air
Friseur...
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...und auch die
Open-Air Fahrrad-Werkstatt haben auch bei klirrender Kälte "geöffnet".
Rechtes Bild: Hier
wache ich!
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Werkzeug, alte und neue Teile, eine Schüssel mit Wasser, in
der schon Eisklötze schwimmen (dort taucht man den Schlauch des Reifens
ein, um auf undichte Stellen zu prüfen) und ein kleiner Holzschemel liegen
durcheinander auf dem Boden. Mal sehen, ob er das hinbekommt, denke ich.
Ich bin noch nicht an der Reihe. Er schraubt gerade am Tretlager eines
anderen Kunden herum. Das Kugellager wird gewechselt, die anderen Teile,
die allesamt schon rostig und gammelig aussehen, werden wieder drum herum
verbaut. Und fertig – macht 1 Euro 50. Zwischendurch kommt eine Frau mit
einem Fahrrad, das deutlich besser aussieht, und möchte Luft in den
Fahrradreifen gepumpt haben. Der Meister gibt ihr eine Pumpe und wendet
sich rasch wieder dem Tretlager zu. Da sie nicht mit der Pumpe umgehen
kann, springt der Tretlager-Kunde schnell ein und hilft ihr. Ein echter
chinesischer Gentle-Man! Danach bedankt sie sich und ruft dem Meister zu:
Wie viel kostet das? – „Ach, vergiß es“, sagt er. Sie kramt in ihrem
Portemonaie: „Ich gebe dir 5 Mao (umgerechnet 5 Cent), okay?“ und sie legt
einen Schein in seine Kasse, die aus einem leeren alten Gurkenglas
besteht, in dem sich nun die Scheine rollen. Er widerspricht nicht.
Nach etwa 10 Minuten bin ich an der Reihe. Meine Hände sind trotz
Handschuhen und Jackentaschen inzwischen halb abgefroren und ich frage
mich, wie er es bloß schafft, den ganzen Tag das nötige Gefühl für seine
Arbeit in den Fingern zu behalten. Wahrscheinlich kann er sich aber nicht
leisten, sich diese Frage zu stellen. Er hockt sich hin, wie er das
schätzungsweise 8 Stunden am Tag macht, und hat mit wenigen Handgriffen
den Reifen von der Felge abgehebelt. Wer das schon einmal selbst versucht
hat, der weiß, wie viel Kraft und Geschick das kosten kann! Jetzt muss ich
pumpen, damit er den Reifen drehen kann und sieht, wo die Luft
herauszischt. Diese sportliche Einlage ist mir bei -5 Grad durchaus
willkommen. Das Loch ist sehr groß, ein Materialfehler des
Schlauch-Herstellers, wie er mir sofort verständlich machen kann. Der
Schlauch muss getauscht werden. Zum Glück mussten wir ihn nicht in das
Eis-Wasser tauchen.
An
selbiges hat sich inzwischen ein streunender Hund herangemacht. Er
schlabbert genüsslich die letzten Wasserpfützen zwischen den Eisblöcken
weg. Ich weiß nicht, wie Meister jetzt noch auf die Suche nach kleinen
Löchern gehen will, doch Meister lässt Hund gewähren. „Ist das deiner?“
frage ich ihn in meinem gebrochenen Chinesisch. „Nö. Keine Ahnung, woher
der kommt. Willst du ihn nicht adoptieren? Ausländer mögen doch Hunde?“.
Er lächelt. Ich lehne dankend ab. Der Hund, als ob er uns gelauscht hätte,
hört nun auf zu trinken und geht zielstrebig wieder in die Richtung, aus
der er gekommen ist. Bei der nahegelegenen Wohnsiedlung biegt er ab. Für
ihn ist das hier die Trinkstelle. Ich bin sicher, dass er nicht zum ersten
Mal hier war. Vielleicht steht er ja auf Wasser mit Gummi-Geschmack.
Meister musste das gesamte Hinterrad ausbauen, um den neuen Schlauch
aufzulegen. Jetzt hilft auch seine Frau mit, die soeben wie aus dem nichts
erschienen ist. Vielleicht war sie gerade irgendwo einen heißen Tee
trinken. Ich sehe sie und denke unwillkürlich: Mein Gott, jetzt müssen die
1 Euro 50 nach Abzug des Kugellagers auch noch für zwei hungrige Mäuler
reichen… Mit geübten Griff fummeln sie das Hinterrad mit Kette und Kabeln
wieder in die richtige Position und ziehen die Schrauben fest. Und fertig.
Macht umgerechnet 3 Euro, für 20 Minuten Arbeit in der Kälte inklusive
einem neuen Schlauch. Ich denke unwillkürlich darüber nach, wie lange ich
arbeiten muss, um 3 Euro zu verdienen. Und über die Diskussion in
Deutschland, die über die „Zumutbarkeit der Arbeit“ geführt wird. Hey
Leute, wenn Euch der Job manchmal nervt, dann denkt an meinen
Fahrrad-Meister, der bei jedem Wetter schuftet und der mit Sicherheit sehr
lange darüber nachdenken muss, ob er sich einen Elektroroller für 170 Euro
kaufen würde. China hat viele solche Helden. Unser Glück als Deutsche ist
nur, dass diese Arbeitsmoral noch nicht sehr häufig gepaart mit guter
Bildung und vernünftiger Infrastruktur ist – sonst hätte uns China schon
längst überholt.
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