Vierter China-Report vom 06.05.2010 – Naherholung in der Natur.
Teil 1:
Anreise
Es ist der 1. Mai und wie an vielen Orten der Welt, so hat
auch die arbeitende Klasse in China einen freien Tag. Das Schöne hier:
Wenn der 1. Mai auf einen Wochenendtag fällt, so wie 2010, dann wird der
freie Tag einfach am nächsten Montag nachgefeiert. Wir haben also ein
verlängertes Wochenende. Die Entscheidung, was wir machen werden, ist
schnell gefallen: Im kleinen Ferienort Shi Du, etwa 100 km südwestlich von
Peking, soll es eine schöne Landschaft mit Bergschluchten geben. Man
erzählt, dort wäre es jetzt schon grün. Wir freuen uns auf die „richtige
Natur“, denn jede Grünfläche, die die Größe eines Fußballfeldes
überschreitet, ist in Peking bereits was ganz Besonderes. Und auch auf den
Lärm und Gestank von Verkehr, Industrie und illegaler Müllverbrennung hier
können wir gern mal für ein paar Tage verzichten. Auch wenn man
ehrlicherweise sagen muss, dass diese Probleme in Peking schon deutlich
geringer sind als in anderen chinesischen Großstädten.
Also stehen wir am Samstag bereits morgens um 6:30 Uhr erwartungsvoll am
Bahnhof. Das Zugfahren in China ist uns als solches schon bekannt. Die
Züge zwischen den Metropolen sind im Allgemeinen ziemlich modern und auch
recht sauber. Die Spuren der chinesischen Essgewohnheiten findet man
natürlich hier und da, allen voran die Schalen der beliebten
Sonnenblumenkerne. Diese konsumieren fast alle Chinesen gerne als kleine
Speise oder man sollte besser sagen: als kleine Nebenbeschäftigung. Denn
das Knacken der Kerne mit den Zähnen erfordert einiges Geschick und die
Belohnung für einen erfolgreich geknackten und von der Schale getrennten
Kern ist dann ein winziges essbares Fitzelchen, das beim Kauen vielleicht
sogar zwischen den Zähnen verschwindet, wenn man Pech hat. Mir ist das ja
zu mühsam. Aber viele Chinesen genießen es so sehr, dass ihre Zähne
regelrechte V-förmige Einkerbungen bekommen, von den abertausenden
geknackten Schalen. Kein Witz, das ist wirklich ein Massenphänomen hier.
So was nennt man in der Technik übrigens eine Zentrierhilfe. Und in
China nennt man das Entspannung.
Abgesehen von den Kernschalen ist es aber relativ ordentlich in den Zügen.
Die allgegenwärtigen Hinweisschilder „Nicht rauchen“, „nicht spucken“ und
„keinen Müll in die Gegend schmeißen“ finden zumindest bei meiner
Generation inzwischen auf breiter Front Beachtung. Mutwillig
aufgeschnittene, beschmierte oder verkratzte Sitze und Fenster, wie in
manchen Gegenden Deutschlands üblich, gibt es hier jedenfalls nirgendwo.
Und Chinesen könnten sich auch niemals vorstellen, dass dies wiederum in
Deutschland schon ein Massenphänomen ist. Ich bin ganz froh, dass sie es
nicht wissen. Erklären könnte ich es ihnen jedenfalls kaum.
Unser Zug ist wie befürchtet brechend voll und sobald alle drin sind,
rollt er auch schon los. Während sich zahllose Fahrgäste in Richtung ihres
reservierten Sitzplatzes an uns vorbei wühlen, müssen wir sehr rasch die
Tatsache akzeptieren, dass es ohne eine solche Reservierung hoffnungslos
sein wird, noch irgendwo zu sitzen. Zum Glück haben die meisten nur wenig
Gepäck dabei. Alle ertragen das enge Chaos ziemlich gelassen.
Und dass dieser Zug keine Klimaanlage hat, empfinde ich sogar als Vorteil,
denn diese werden in China als Zeichen des Wohlstands angesehen und
deshalb fast immer auf Stufe „Tiefkühlfach“ geschaltet (Schaut mal alle,
wie reich wir doch sind.) Die meisten Chinesen schwitzen ohnehin nicht so
schnell wie viele Europäer. Und im Gegensatz zu den ziemlich rustikalen
Tischsitten ist man hier bezüglich der Körperhygiene sehr achtsam. Fast
alle wirken frisch gewaschen und gekleidet. Da macht es nichts, wenn sich
im Gedränge auch hin und wieder mal zwei Fremde intim nahe kommen, denn
das ist hier im öffentlichen Verkehr unvermeidbar. Und für die
allermeisten auch kein Grund, ihren Blick von ihrem Handydisplay
abzuwenden. Man erwartet in solchen Situationen als Chinese nichts
anderes, als gelegentlich weggedrängelt oder –geschubst zu werden, je nach
verfügbarem Raum und dem Temperament bzw. dem gesunden Menschenverstand
desjenigen, der vorbei möchte. Im Übrigen haben viele Chinesen ein
angeborenes Naturtalent, wenn es darum geht, immer gerade dort stehen zu
bleiben, wo man anderen den Weg versperrt.
Die erste halbe Stunde sind wir bei alledem noch ganz gut gelaunt. Etwas
nervig ist allerdings mal wieder der Lautstärkepegel. Die Chinesen
unterhalten sich angeregt, nebenbei spielt durch den Lautsprecher eine
total verzerrte Musik oder kurze Sketche mit quakigen Stimmen. All das
wird noch übertönt von einer Hand voll indischer Fahrgäste, die
wahrscheinlich gar nichts Anderes als Unruhe kennen und sich hier
offenkundig pudelwohl fühlen.
So langsam nervt es auch, dass selbst lange nach dem Losfahren immer noch
alle 5 Minuten von irgendwo jemand angekrochen kommt und durch möchte.
Warum die wohl jetzt gerade hier durch müssen, denke ich. Heißes Wasser
holen (gibt’s in fast allen Zügen irgendwo), warmes Wasser wieder
wegbringen (zum WC) oder so intelligente Dinge wie mal nachzuschauen, ob
weiter hinten im Zug nicht doch vielleicht noch ein Sitzplatz frei ist und
es noch keinem anderen der über 1000 Fahrgäste aufgefallen ist, die sich
bereits auf dem Bahnsteig hoffungslos aneinander gedrängelt hatten…
Selbstverständlich
hindert die gegebene Situation die Chinesen nicht daran, einen mobilen
Verkaufsstand einzusetzen. Eine Frau (rechts im Bild die Kleine mit der
blauen Uniform) bietet kleine Leckereien auf ihrem
Servierwagen an und schafft dabei das Unmögliche, sich einen Weg durch die
Menge der Fahrgäste zu bahnen, die oft notgedrungen im Gang verweilen,
manchmal aber auch einfach nur blöd im Weg stehen und keinen Gedanken
daran verschwenden, der Frau bei ihrem Problem zu helfen. Doch auch solche
Zeitgenossen lassen sich durch penetrantes Anbrüllen und in-die-Hacken-Fahren irgendwann dazu motivieren, doch noch einen Schritt
zur richtigen Seite zu gehen. (Video) Problemlösung auf Chinesisch. Eigentlich
wundert es mich, dass sie sich noch keine Hupe an ihren Servierwagen
gebaut hat…
So langsam bricht die Mittagszeit an und es wird wärmer im Zug. Plötzlich
schalten sich die Deckenventilatoren ein, was für angenehm frische Luft
sorgt. Nach 5 Minuten verabschiedet sich einer der Ventilatoren sogleich
mit einem lauten Krachen. Niemand wurde von umherfliegenden Teilen
verletzt, der Vorfall sorgt für allgemeine Erheiterung. (zum
Video)
Nach vier Stunden, eine Stunde länger als vorgesehen, sind wir dann
endlich am Zielbahnhof und steigen reichlich genervt aus. Ein Fahrer
bringt uns zum Hotel.
Die Landschaft hier ist dank der steilen Felswände schon ganz hübsch, aber
das erhoffte Grün wird noch einige Wochen brauchen, bis es den
steppenartigen Umgebungs-Charakter überdeckt hat.
Unser Hotel ist einfach und billig. Zwei knüppelharte
Betten und eine Duschkabine/Kloloch/Waschbecken-Kombination hinter einer
durchgeschimmelten Tür. Das Ganze ist für 15 Euro aber okay, denn hier
wollen wir ohnehin nur schlafen.