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Vierter China-Report vom 06.05.2010 – Naherholung in der Natur.
Teil 2: Wanderausflug am Rande der Zivilisation

 

Zwischen Bett und Brett ist es im Deutschen nur ein Buchstabe. In China ist es noch weniger: ein hauchdünnes Stofflaken. 7 Uhr morgens. Ich bin wie gerädert, denn auf dem knüppelharten B(r)ett konnte ich, wenn überhaupt, dann nur in Rückenlage etwas Komfort finden. Doch auch das ist nun vorbei, denn die ersten Türen knallen schon wieder auf dem hellhörigen Hotelflur.

Zum Frühstück nehme ich eine Tafel selbst mitgebrachter Nussschokolade mit heißem Instant-Kaffee. Die chinesische Glibbersuppe, die Bärlauch-Pfannkuchen und die versalzenen Enteneier überlasse ich dankend den anderen Gästen. Und meiner Frau ;-)

Heute steht die Wanderung in den berühmten Schluchten von Shi Du auf dem Programm. Und tatsächlich ist die Landschaft wirklich ganz urig hier. Auch die Wanderwege sind gut erschlossen, zum Teil sogar richtig liebevoll gestaltet. An vielen Stellen ist die Schlucht nur etwa 10 Meter breit, dabei ragen die Felsenwände seitlich bis zu mehreren 100 Metern hoch. Das einzige, was mal wieder hier stört, sind die Chinesen. Es sind natürlich wieder mal viel zu viele, und bis zum Mittag werden es ständig noch mehr. Da die meisten von ihnen immer recht mitteilsam sind, ist der Lärmpegel entsprechend. Aber als ob das nicht schon genug wäre, gibt es hier ein paar Spezialisten, die auch noch mit Knallerbsen um sich werfen müssen! Knallerbsen und Natur – wie geht denn das bitteschön zusammen?! Die Akustik zwischen den Felswänden ist jedenfalls großartig – da klingt die kleine Knallerbse gleich wie ein großer Böller. Wir schrecken mehrfach zusammen, auch Lucy ist nach mehreren Jahren in Deutschland solche Art von Stress gar nicht mehr gewohnt. Die Knallerbsen muss man übrigens nicht von zu Hause mitnehmen. Man kann sie hier überall kaufen. Manche Zeitgenossen können die Natur offenbar nur ertragen, wenn sie nebenbei irgendetwas Abstruses machen. Zum Beispiel ist es in einigen Zugvogel-Gebieten Italiens üblich, beim Spazierengehen gleich mal die Flinte mitzunehmen, um aus Spaß mal ein paar Vögel tot zu schießen. Andere müssen beim Aufenthalt in der frischen Luft einen kleinen weißen Ball vor sich her schlagen. Das nennt man dann Golf. Und in China gehört eben ein bisschen Knallerei dazu. (Beweis-Video)

Den Gipfel setzen dem Ganzen schließlich noch die Kleinbusse auf. Auf einem breiteren Wegabschnitt hat der Chinese, der seinen Reichtum zur Schau stellen möchte, die Möglichkeit, sich im offenen Elektrobus kutschieren zu lassen. Und davon machen auch viele Gebrauch. Dass sich die Busse dabei mit den vielen Fußgängern den Weg teilen müssen, ist kein Problem. Jedenfalls nicht für die Busfahrer. Sie hupen sich wild durch die Menge und fahren, als ob es kein Morgen gäbe. Also eigentlich so, wie Chinesen immer fahren. Ich finde: Um mich weghupen und mir die Füße plattfahren zu lassen, hätte ich mir die anstrengende Zugfahrt und das unbequeme Hotel auch sparen können. Das kann ich auch jederzeit in Peking bekommen. (Beweis-Video).

Ein anderer Teil der Strecke geht eine lange Treppe hinauf. Da diese nicht sehr breit ist, wird es auch dort wieder ziemlich voll. Einige Chinesen sehen hier zum ersten Mal in ihrem Leben eine Langnase (also mich) aus der Nähe. Manche gucken interessiert, andere rufen ein krummes „Hello“ und haben damit auch schon ihren gesamten englischen Vokabelvorrat erschöpft. Am Anfang grüße ich noch höflich zurück und lächle, aber nach einiger Zeit habe ich keine Lust mehr dazu und ich fühle mich ein bisschen wie ein Filmstar, der keinen Schritt unbeobachtet in der Öffentlichkeit machen kann.

Lucy erzählt, dass viele von den Besuchern hier einen sehr breiten Dialekt sprechen, was in China oft ein Zeichen für geringe Bildung bzw. Herkunft vom Land ist. Aber auch ohne Dialektverständnis kann man diese Leute sehr schnell von den typischen Pekingern unterscheiden. Das ist ganz einfach: Alles, was einen Deutschen nerven könnte, findet man bei diesen Zeitgenossen besonders konzentriert vor: Wild rumbrüllen, sich durchdrängeln und nicht an der Schlange anstellen, sich lauthals räuspern und spucken oder den Müll einfach in die Gegend werfen. Oder, was mich besonders stört, im Straßenverkehr alle Probleme mit der Hupe lösen, für die vernunftbegabte Menschen die Bremse benutzen würden. Häufig erkennt man diese Typen schon an der tief sonnengebräunten Haut, weil sie oft Jobs haben, die im Freien stattfinden oder, das ist meine Interpretation: Jobs, bei denen das Vorhandensein kognitiver Fähigkeiten (also Anzeichen einer intelligenten Lebensform) eine untergeordnete Rolle spielt. Diese Menschen und ihr Benehmen sind übrigens einer der Gründe dafür, dass manche Chinesen, die mehr auf sich halten, nur mit einem Schirm unter die Sonne gehen. Denn weiße Haut gilt als schön und schön zivilisiert.

Die zivilisierten Chinesen, um in diesem etwas pauschalen Bild zu bleiben, erkennt man häufig auch daran, dass sie ein topmodernes Handy haben. Mein Handy ist 2 Jahre alt, demnach bin ich also schon unzivilisiert :-( Es ist schon etwas bizarr, wie fixiert viele junge Leute auf diesen kleinen Begleiter sind.

Beim Warten auf den Zug für die Rückfahrt sitzt mir gegenüber ein Pärchen. Jedenfalls sieht es aus wie ein Pärchen. Sie und er haben ihren Blick fest auf das Handydisplay fixiert, und das schon seit etwa 15 Minuten. Von den vielen umher wuselnden Menschen bekommen sie wahrscheinlich schon nichts mehr mit, denn ihr Bewusstsein ist jetzt woanders. Da – tatsächlich haben sie kurz ein Wort miteinander geredet. Sie steht auf, geht vermutlich zur Toilette, denn was kann es schon anderes sein, das sie noch nicht mit ihrem Handy erledigen könnte? Für ihn natürlich kein Grund, von seinem Gerät aufzublicken…

5 Minuten später kommt sie zurück, setzt sich wieder und starrt weiter in ihre Mattscheibe. Er sieht auch jetzt nicht zu ihr hoch, wahrscheinlich hätte er es noch nicht einmal bemerkt, wenn plötzlich die falsche Frau neben ihm Platz genommen hätte. Was haben die beiden wohl von der Natur hier gesehen, frage ich mich. Schönes modernes China!

Als der Zug schließlich einfährt, ist von diesem modernen China aber nichts mehr übrig. Schlagartig verwandeln sich die Menschen, die eben noch halbwegs zivilisiert am Bahnsteig gewartet haben, in wilde Monster, die sich brüllend und schlagend durch die Menge kämpfen. Eine Entenfütterung im Winter ist gar nichts dagegen! Es gilt jetzt nur noch eines: Alles zu unternehmen, um in dem Zug, in dem die Sitzplätze nicht für alle ausreichen werden, für sich und seine Nächsten doch noch einen solchen zu ergattern. Koste es, was es wolle. Dass der kleine Eingang am Zug jeweils nur einer Person zur Zeit Platz gibt, erkennen diese Wilden längst nicht mehr.


So steigen Chinesen in den Zug einLeider ist die Batterie meiner Kamera fast leer, so dass ich die Höhepunkte von diesem Schauspiel unbändiger Naturgewalten nicht mehr aufnehmen konnte. Schade, denke ich. Vielleicht kann man so was in ein paar Jahren in China gar nicht mehr beobachten, denn China verändert sich extrem schnell. Dann denke ich aber: Nicht schade, sondern hoffentlich!

Video Zugeinstieg
 


Unnötig zu erwähnen, dass Lucy und ich natürlich wieder einen Stehplatz bekommen haben. Wir waren sehr glücklich, als wir unser zu Hause wieder erreicht hatten, denn uns war noch gar nicht bewusst, dass in Peking schon so viele Menschen über Verstand, Umsicht und Bildung verfügen. Trotz allem war es für uns ein tolles Wochenende und ich habe wieder mal viel Material für meine Berichte gesammelt. Und wir haben gelernt: Es lebe die Zivilisation!
 

 

 

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